1972 – ein aufregendes Jahr

Die Olympischen Spiele / Das SHIROKKO 1972 / Das Musikjahr 1972

Ein ereignisreiches Jahr steht bevor. Ganz München steht im Zeichen der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele im August.  Außer, daß seit ein paar Monaten die erste U-Bahn fährt, haben die Münchner nichts vom bevorstehenden Ereignis, nur Ärger. Dafür wird Geld ausgegeben! (es sollten schließlich fast 2 Milliarden Mark werden).

„Natürlich“ sind wir gegen die „Olympiade“.
Im Hanser-Verlag erscheint ein Buch, das sich gegen diese Veranstaltung wehrt, teilweise mit merkwürdigen Vergleichen (Rolle des Sports im Dritten Reich!). Für uns, die wir so gerne in Konzerte gehen und „subversive“ Musik hören, ist Sport ohnehin eine unpopuläre Tätigkeit. Wer kann sich schon Frank Zappa auf dem Fahrrad vorstellen, oder Joe Cocker als Jogger?

 

 

August 1972 – die Olympischen Spiele. Euphorie und Ernüchterung
Als dann die ersten Besucher und Sportler aus aller Welt eintreffen, sind wir doch begeistert. Wir gehen oft auf das Olympiagelände um die wunderschöne, lockere und fröhliche Atmosphäre zu genießen.

Es ist eine unglaublich entspannte und friedliche Stimmung, überall liegen Gäste im Gras:

Kaum zu glauben – all diese Aufnahmen sind entstanden während der Olympischen Spiele 1972, so ruhig war das damals noch…

 

Wolfgang Roucka veröffentlicht regelmäßig das „Foto des Tages“ als Poster in seinem Schwabinger Laden. Ich fahre täglich dorthin, um die Posters zu kaufen und im Laden aufzuhängen. Zu Zeiten von Günter Albert wäre das undenkbar gewesen, denn Roucka war ja sein großer „Gegenspieler“.
Durch das Attentat auf israelische Sportler enden zwar nicht die Spiele, IOC-Präsident Avery Brundage verkündet ‚the games must go on‘ – aber die Stimmung ist dahin.

 

 

Kommen wir nun zum SHIROKKO.

Auf dem Plattenmarkt steht eine einschneidende Änderung bevor: die Preisbindung wurde abgeschafft. Noch sind keine großen Auswirkungen zu spüren, aber das wird sich ändern…

Im März fliege ich wieder für eine Woche nach London. Ich bin erneut total begeistert und schreibe wie ein Auslandskorrespondent:

 

 

In der Tat war das die „Geburt“ des Smileys, des ersten „emoticons“, und gleichzeitig begann auch die Popularität von Aufklebern, auch Sticker genannt.

So einen Sticker wollen wir natürlich auch und ich mache erste Entwürfe.

   

 

 

 

 

Mit dem SHIROKKO-Schriftzug bin ich auch nicht mehr zufrieden, er ist mir viel zu langweilig geworden und so mache ich erste Alternativ-Entwürfe.

Unser Programm weitet sich schon deutlich aus.  Wir verkaufen nun Ledergürtel und Taschen und Patches (gestickte Embleme zum Aufnähen) und Nieten zum Verzieren von Jeans und Badges (Anstecker) und Duftöle und Duftkissen für den Wäscheschrank und Sandelholzpuder fürs Gesicht und Henna für das Haar und Glasperlenketten und Pillendöschen und Messingfiguren und bestickte Stoffelefanten und chinesischen Tee und T-Shirts. Wir werden oft gefragt, was ist eigentlich ein T-Shirt und warum heißt es so?

 

 

 

Wir haben nun auch Songbooks und Gitarrenlehrbücher und Musikliteratur. Die Schallplattenabteilung verzeichnet jetzt auch Glitter-Rock und Folklore aus aller Welt und klassische indische Musik und Elektronik und experimentelle Musik. Der Laden füllt sich allmählich, aber voll ist er noch lange nicht.

In unseren Prospekten werden immer mehr Artikel angeboten – und wie man rechts unten sieht: der Smiley ist auch schon eingebaut…


Unsere Info-Zeitung wird nun gefaltet auf A6. Das hat den Vorteil, daß sie in ein kleineres Kuvert paßt.
Die Adressen haben wir schon vorbereitet mittels eines fast schon prähistorisch wirkenden Systems: jede Adresse wird auf ein Trägerpapier geschrieben, das auf der Rückseite eine Farbschicht hat, dann kommt die Adresse in ein kleines Rähmchen.
Nun wird das Kuvert mit einem Gerät angefeuchtet, das mit einer Lösungsflüssigkeit gefüllt ist, dann rollt man fest über das Adreßrähmchen und überträgt damit die Schrift.
Wahnsinn, wie schnell das geht! Bestimmt 30 Adressen in der Stunde…

 

 

Auch für Plattenliebhaber gibt es eine revolutionäre Erfindung: Naßabspielgeräte, die aber eher zweifelhaft wirken, wie die Zeitschrift TEST herausfindet:

Besonders schlecht schneidet ab der Neckermann Dauerplattenwischer

Das beliebteste Mittel ist Lenco-Clean. In ein Röhrchen wird eine leicht viskose Flüssigkeit gefüllt. Beim Abspielen läuft das Röhrchen mit wie ein zweiter Tonarm, die Platte wird angefeuchtet und somit werden Abspielgeräusche vermieden. Weil die Flüssigkeit so teuer ist, experimentieren wir mit eigenen Mischungen. Das ändert aber alles nichts daran, daß sich beim Trocknen der Platte der Staub festsetzt und die Platte deshalb niemals mehr „trocken“ abgespielt werden kann, weil sie sonst ganz entsetzlich knistert.
Auch aus diesem Grund besitzen Vinyl-Fans heutzutage Plattenwaschmaschinen.

 

 

 

Und eine weitere Neuheit gibt es für Musikfans:

 

„Perfekt in der Technik.
Mit viel Leistung für viele viele Partys.“

Immerhin hatte der Plattenspieler einen eingebauten Verstärker mit sagenhaften 4 Watt.

 

 

 

Die Preisbindung für Schallplatten wurde inzwischen abgeschafft. Zunächst ist das noch nicht sehr bedrohlich, die Firmen schreiben nun ganz einfach „empfohlener Verkaufspreis 22 Mark“. Daß sich aber kaum jemand, schon gar nicht die großen Märkte, an diese Empfehlung halten, dürfte ja wohl klar sein.

 

Damit sind wir nun endgültig beim Musikjahr 1972

Mit Just Another Band From L.A. von den Mothers Of Invention erscheint ein Album, das uns das ganze Jahr begleiten sollte. Denn Klaus und ich hören diese Platte bis (fast) zum Erbrechen, können bald sämtliche Texte auswendig, so wie auch schon im Vorjahr mit ‚Mothers Live At The Fillmore‘. Besonders das 24minütige ‚Billy The Mountain‘ hat es uns angetan.
Hörproben

 

 

 

 

Im Juni erscheint eine Platte, die viel veränderte: das Debütalbum von Roxy Music. Bisher war die Rockwelt doch eher „olivgrün“, wir trugen ja gerne Second-Hand-Klamotten und alte Army-Jacken. Da kommt plötzlich eine Platte daher, die bunt und glitzernd ist, mit gestylten Typen, Make-Up, Glamour und leicht dekadentem Pinup-Look. Eine Platte von Musikern, die sich nicht in Clubs „hochgespielt“ haben, sondern die ein ganz neues Konzept verfolgen.
Der Wahnsinn! Wir sind überwältigt. Es ist wie eine Befreiung. Hörproben

 

Hias Schaschko, seit 1970 häufiger SHIROKKO-Besucher, macht für mich Farbauszüge auf Folien, ein Zeilenlineal und eine Rastervorlage. Großartig, die habe ich noch heute…

Ich gehe zu Deko-Herold am Färbergraben und kaufe beutelweise silbriges Glitzerpulver. Damit wird der Boden im ganzen Laden bestreut. Wenn Irmgard abends staubsaugt, muß der Glitzerbelag sofort erneuert werden.

 

Deutlich weniger schillernd ist die Geschichte mit den Subjects.
Irmgards sprichwörtliches Engagement zeigt erneut Wirkung, sie hat es geschafft, für die Subjects, die sich nun Subject Esq. nennen, einen Plattenvertrag bei CBS zu organisieren. Das gibt im Vorfeld leider auch Streit innerhalb der Band – und anschließend Ärger mit der Plattenfirma wegen mangelnder Unterstützung. Subject Esq. haben den Vertrag bald gelöst und bei Ariola unterschrieben, als „Sahara“. Unter diesem Namen macht die Band noch heute Revival-Konzerte.

 

 

Eine weitere wichtige Veröffentlichung des Jahres:
Grateful Dead Europe ’72.
Eine Dreifach-LP, daran hatte sich noch niemand gewagt. Doppel-LPs gab es schon einige, Electric Ladyland von Jimi Hendrix, Wheels Of Fire von Cream, das Beatles White Album – aber drei LPs! Noch dazu von vorne bis hinten voll mit phantastischer Musik, schließlich haben die Dead-Konzerte ja immer an die vier Stunden gedauert. Bis heute kann ich diese Platten noch hören…
Hörproben

Übrigens habe ich Grateful Dead mittlerweile eine Sonderseite gewidmet!

 

Nun noch einige weitere wichtige Veröffentlichungen des Jahres 1972, die zeigen, daß sich die Musikwelt bereits in einer Trendwende befand. War bislang die Pop/Rockmusik deutlich beeinflußt von Blues, Soul und Gospel, bildeten sich ganz neue Strömungen heraus. Soul-Pop und Glitter-Rock tauchen auf, aus Rocksteady und Ska wird Reggae. Die Popwelt ist deutlich bunter und vielfältiger geworden. Was aber nicht unbedingt heißen muß, daß sie damit „besser“ wurde…


Chick Corea : Return To Forever
Das war die erste Platte von ECM, die wir richtig gut verkauften, obwohl Jazz bisher bei uns kein großes Thema gewesen ist. Aber diese Aufnahme (mit dem großartigen Bassisten Stanley Clarke und der Sängerin Flora Purim) ließ auch die Herzen von Rockfans höher schlagen…
Hörproben

 

Stevie Wonder : Talking Book
Stevie Wonder gelang es mit diesem Album, Soul aus dem typischen Atlantic- oder Motown-Klang zu transformieren, denn er war einer der ersten, der elektronische Keyboards geschickt einsetzte um damit einen ganz eigenen Sound zu schaffen.
Hörproben

 

 


Lou Reed : Transformer
Im Sog der androgynen Wirkung David Bowie und der Glitzerwelt von Roxy Music hat auch ex-Velvet-Underground-Sänger Lou Reed eine Wandlung vollzogen und mit „Walk On The Wild Side“ einen der unsterblichsten Songs aller Zeiten geschaffen.
Hörproben

 

 

Abschließend noch zwei ganz persönliche Empfehlungen, die meine gelegentliche Vorliebe für textorientierte Musik von Singer/Songwritern repräsentieren:

The Late Great Townes Van Zandt
Der 1997 verstorbene Singer/Songwriter war ein Geheimtip, seine Songs, stark vom Country beeinflußt, sind wunderschöne Zeugnisse musikalischer und intellektueller Qualität.
Hörproben

 

 

Jesse Winchester : Third Down, 110 To Go
Auch Jesse Winchester (1944-2014) war ein bedeutender Singer/Songwriter mit politischer Aussage. Seine Songs wurden von vielen Kollegen interpretiert.
Besonders schöne Lieder fanden sich auf diesem Album, hier sind Hörproben

 

 

 

weitere wichtige Alben des Jahres 1972
Jackson Browne Vol. 1 — Allman Brothers : Eat A Peach — Neil Young : Harvest — Jethro Tull : Thick As A Brick — Rolling Stones : Exile On Main Street — Eagles Vol. 1 — Pink Floyd : Obscured By Clouds — Jimmy Cliff : The Harder They Come — Amon Düül II  : Carnival In Babylon — Amon Düül II : Wolf City — Little Feat : Sailing Shoes.

 

und schließlich wird das SHIROKKO auch noch von einer personellen Veränderung getroffen –  Klaus-Dieter Schreiber verläßt uns leider im Oktober in Richtung seiner Heimatstadt Berlin. Als er 2017 von meinem Blog erfährt, wird er schreiben:

„Nach meinem ersten Besuch des SHIROKKO war ich schier sprachlos, überwältigt. So einen Laden hatte jedenfalls ich bis dahin noch nie erlebt. Räucherstäbchenduft schwebte zum Klang eines frisch aus London importierten Longplayers durch die beiden Räume. In diesem Laden hörte ich viele meiner immer noch favorisierten LPs ein allererstes Mal. Das SHIROKKO war bekannt dafür, aktuelle Schallplatten progressiver Bands selbst zu importieren. In dieser Zeit wurde von den Labels bei weitem nicht jede Aufnahme, wenn überhaupt, in Deutschland veröffentlicht. Die Pionierarbeit für neue populäre Musik haben auch die in München ansässigen Vertriebsfirmen geschätzt, das SHIROKKO wurde gern für Informationen und Musiktipps besucht.
Ich hatte das Glück von März 1971 bis Oktober 1972 im SHIROKKO mit Irmgard Weigelt, Silvia und Gerhard Rühl zu arbeiten und ich habe viele positiv eingestimmte Menschen dort getroffen. Diese Zeit war für mich, rückblickend, mit Anfang zwanzig besonders wertvoll. Danke dafür.

Solch einen Mitarbeiter verliert man natürlich nicht gerne. Aber es gibt einen fliegenden Wechsel, schon vier Tage, am 18. Oktober, taucht Hias Schaschko auf unserer Gehaltsliste auf.

Was sonst noch geschah:
Hewlett Packard bringt den ersten wissenschaftlichenTaschenrechner auf den Markt +++ Richard Nixon wird erneut Präsident der USA +++ Heinrich Böll erhält den Literaturnobelpreis.

Ein Liter Benzin kostet -,57 DM. Die Mehrwertsteuer beträgt 11 %.

Das war es nun, das ereignisreiche Jahr 1972. Jetzt geht es an die Recherche zu 1973, ich verspreche, da ist einiges passiert…

Gerhard Rühl, 21. März 2017

 

 

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