Gesichtserkennung

Ich habe ein sehr gutes Namensgedächtnis. Wenn Kunden telefonisch bei uns etwas bestellten, wußte ich meist schon den Vornamen oder auch die Straße, in der sie wohnen. Dann kam häufig der Kommentar „sie haben aber einen schnellen Computer“.

Meine Fähigkeit, mir Zahlen zu merken, hat jedoch durch die Einführung des Tastentelefons mit Nummernspeicher drastisch abgenommen.

Noch nie jedoch konnte ich mir Gesichter merken. Nachdem ich jetzt weiß, daß selbst Dieter Kosslick, Chef der Berlinale, bekannte Schauspieler gelegentlich verwechselt, habe ich keine Scheu, meine Schwäche zuzugeben. Es gibt sogar einen medizinischen Ausdruck dafür (Prosopagnosie), aber so weit ist es (hoffentlich) noch nicht.

Jedenfalls können sich aus dieser Schwäche durchaus peinliche Situationen ergeben. Es kann passieren, daß ich an einem Bekannten auf der Straße achtlos vorbeigehe. Es konnte im SHIROKKO  passieren, daß ich einen Kunden, der nur schnell auf die Bank geht, um Geld zu holen, bei seiner Rückkehr frage „was kann ich für Sie tun?“. Es konnte passieren, daß ich einen Kunden ermahne, seine bestellte CD abzuholen, obwohl er das eine Woche vorher schon getan hat.
Es konnte aber ebenso passieren, daß ich einen Kunden, mit dem ich eine ärgerliche Diskussion hatte, das nächste Mal überaus freundlich begrüße.
Wahrscheinlich haben die alle gedacht: so ein arroganter Kerl. In diesem Fall bitte ich alle nachträglich um Verständnis und Verzeihung.

Im SHIROKKO hatten wir gelegentlich Besuch von Prominenten. Wir haben es immer so gehalten, diese nicht allzu sehr zu „hofieren“, denn meistens wollten sie ja selbst eher unerkannt bleiben und so haben wir sie behandelt wie andere Kunden auch. Für mich war das natürlich auch eine gute Möglichkeit, meine Gesichtserkennungsschwäche zu verbergen. Doch auch das bewahrte mich nicht vor peinlichen Situationen.

Eines Tages, kurz vor Weihnachten, bin ich intensiv mit dem Auspacken von Ware beschäftigt. Ein Herr mit Mütze betritt den Laden. Ich frage routiniert „kann ich Ihnen helfen“. Er zeigt keinerlei Reaktion. Etwas herablassend denke ich mir „wenn Du nicht reden willst – ich habe Arbeit genug“.
Im Augenwinkel beobachte ich, wie er CD für CD aus dem Regal nimmt, an die Kasse geht, bezahlt und wortlos den Laden verlässt.
Da fragt ein Kunde „Habt Ihr den nicht erkannt?“. Ich: „Wieso, wer war das?“. Er sagt: „das war Hugh Grant“.

Als wir den Mädels in der Nachbarschaft erzählen, daß Hugh Grant bei uns war, sagen sie „was hat er gekauft, das will ich auch“ und „wo ist er gestanden, ich will die Luft atmen“.

Daß ich ihn nicht erkannt habe, liegt vielleicht gar nicht an meiner Schwäche, sondern daran, daß ich kein Mädchen bin…

Gerhard Rühl, 26. Februar 2017

Leave a Comment